Text aus : VW Geschichten – Peter Makowetz 2012 – Agi

Agi

Wie soll ich Agi beschreiben, denn ohne dies wäre die Geschichte nur halb erzählt. Agi war in jeder Hinsicht besonders bis sonderbar. Sie war in Ihren damals 52 Jahren aus der für sie von der Natur vorgesehenen Figur völlig herausgeraten. Ja, es schien, dass unmittelbar um sie herum die Schwerkraft um einiges stärker zu wirken schien als sonstwo. Alles was Ihr anhaftete, schien in besonderer Weise nach unten zu streben. Unterstrichen wurde dies durch ihren Gang. Würde man behaupten, sie watschle, so stimmte das nur zum Teil, da um sie herum die Erde bebte, wenn sie sich in Bewegung setzte. Doch hatte ihre Art sich fortzubewegen überraschenderweise etwas von adeliger Würde, die Ihre Herkunft verriet. In Kontrast dazu stand, dass Sie permanent dasselbe blaue Sackkleid trug, ergänzt von ehemals weißen Turnschuhen. Ich habe sie nie anders gesehen. Ihr Wesen war bei aller Sturheit sehr offenherzlig, ja liebenswert und gewinnend. Sie war in einer Weise „locker“, die man von Ihr so nicht erwartete. So bewegte sie sich ausschließlich unter jungen Leuten, ohne sich anzubiedern oder anzupassen, .und wurde akzeptiert, (wohlgemerkt von Jugendlichen der Siebzigerjahre….!), wenn sie sich auch manchmal als eher anstrengend erwies. So nervte Sie während dem ständigen Besuch von Jazz-und Rockkonzerten die Schlagzeuger so lange, bis diese es Ihr erlaubten, sich in der Pause hinter das Schlagzeug zu setzen, was unter dem amüsierten Gejohle der im Saal Verbliebenen den eben erst empfangenen Kunstgenuss erheblich schmälerte. ihre Sensitivität und Kreativität, die nicht zu Ihrem Erscheinungsbild passte, verblüffte stets aufs Neue. So fiel Ihr mitten im Gespräch zu jeder Situation ein Schüttelreim ein.
Eine Begebenheit zeigt ihre grandiose Spontanität. Sie wohnte mit Ihrer fast tauben Mutter in einem damals noch nicht restaurierten Schloss. Als ein deutscher Professor für Parapsychologie unangemeldet vorbeikam und den schweren Glockenstrang am Tor betätigte, erschien Agi in der kleineren Tür, die stets in die großen Schlosstoren eingelassen sind, und begrüßte den schon ob Ihrer Erscheinung verdutzten Besucher mit ihrem einstmals angeheirateten Namen „Agate Teufel“. Auf die Frage, was er wolle, sagte er, er untersuche mehrere Österreichische Schlösser auf überirdische Phänomene und er habe gehört, dass es auch in diesem Schloss Geistererscheinungen gäbe. Dem damaligen Zustand und dem Aussehen des Gebäudes gemäß, musste sich ein Parapsychologe sicher sein, kurz vor seinem wissenschaftlichen Durchbruch zu stehen. Agi zögerte keinen Augenblick und antwortete:“ Das weiß ich nicht, ich wohne erst seit 500 Jahren hier“. Das war auch einem Professor zu viel, Er verzichtete auf seinen sichergeglaubten Karrieresprung ,sprang stattdessen einen kleineren wählend in sein Auto und ward nicht mehr gesehen.
Damit sind wir bei Agi`s Stimme. Gewaltig wäre sträflich untertrieben. Ihr alles durchdringender Bass hatte zur Folge, dass man ihr im Brucknerchor in Linz nahelegte, von einer weiteren Teilnahme abzusehen, da man sie, die ja schon bei den Männern den Bass mitsang, so deutlich heraushörte, dass der Rest des Chores sich vergeblich bemühte, den Intentionen der Komponisten gerecht zu werden, ganz zu schweigen vom Dirigenten, der kurz vor der Verzweiflung stand. Dabei war Agi sehr musikalisch. Sie spielte mehr als leidlich und mit Inbrunst Bach am Klavier, das einem aber aufgrund ihres mächtigen Anschlag leid tun konnte. Es war wegen seines Alters und der Feuchtigkeit der Gewölbe in einem jämmerlichen Zustand. Es ächzte. Dies, und das Klappern, sowie das Quietschen der ungeölten Pedale ließ Bach in ganz neuem Licht erscheinen und führte zu ungeahnten Interpretationen und Hörerlebnissen. Getoppt wurde dies durch ein quasi Impropmtu der ebenso wortgewaltigen, aber wie schon gesagt fast tauben Mutter mit der Bemerkung:“Agi, ich habe keine Batterie mehr.“ Ja Mutter, gleich.“ (dies war wohlgemerkt vor Frank Zander) Ich hatte dies schon so verinnerlicht, dass mir während Bachkonzerten jahrelang etwas fehlte und ich die Interpretation des jeweiligen Pianisten als unvollständig empfand.
Jedoch entfaltete sich Agi`s Musikalität erst so richtig Im Pfeifen. Dabei improvisierte Sie Barockmusik, und ich musste, da ich kontrapunktisch denken konnte, mit ihr Fugen spontan entwickeln, was sehr viel Spaß machte. Auch die Lautstärke ihres Pfeiforgans ließ nichts zu wünschen übrig. So hörte man ihre Barockimprovisationen trotz geschlossener Fenster ihres VW Käfers deutlich auf der Straße, zumal sie die ersten zwei Gänge Vollgas ausreizte und es meist dabei beließ. Ehemalige Käferfahrer können dies nachempfinden. War es doch fast unmöglich, sich im Inneren seinem Beifahrer mitzuteilen, bevor man den 4. Gang erreichte.
Hier kommt, wie bemerkt, der VW in die Geschichte. Es geht dabei aber nicht um Agi´s Auto, sondern um meines. Ich erspare Ihnen die genaue Analyse seines Zustands. Nur so viel stichwortartig: 6 Volt um 5000 Schilinge als Kunststudent von einem Bauern auf Raten gekauft. …! Für Kenner: Bodenplatte-Regen-knöcheltief …….Heizung im Sommer heißer als jede zu erreichende Außentemperatur –nicht abstellbar. Im Winter wie von Geisterhand entfernt und auch für technisch versierte Zeitgenossen nicht auffindbar..Nun gut; Einmal fuhr ich über den Marktplatz unsers Ortes, als Agi in ihrer unerschrockenen Art auf die Fahrbahn sprang um mich anzuhalten. Sie bat mich, sie nach Lambach zu fahren, um dringende Einkäufe zu tätigen ( ich vermute …Batterien), ihr Auto sei beim Service, und so könne sie nicht selber fahren, ich bemerkte, dies treffe sich gut, da auch ich dahin müsse, um neue Kacheln für das Badezimmer abzuholen. Zu diesem Zweck hätte ich aber den vorderen Beifahrersitz ausgebaut und sie müsse wohl oder übel auf der hinteren Sitzbank platznehmen. Es machte ihr nichts aus, ja, sie fand das sogar „LUSTIG“. Pfeifend, barockimprovisierend strebten der VW Käfer, Agi und ich Richtung Lambach, als ich plötzlich mitten in einem Waldstück schwer atmend meinen .gerade begonnenen Krebsgang unterbrechen musste. Ich sah nach hinten, Agi saß in einer Rauchwolke. Rechts und links von Ihr schlugen Flammen aus der seegrasgefüllten Sitzbank. Völlig im Barocktaumel, der Welt entrückt, schien sie Ihre Lage nicht zu bemerken. Vollbremsung ( die Bremsen und deren Zustand hatte ich vorhin zu erwähnen vergessen) Trotzdem beförderte diese- dank des ausgebauten Vordersitzes Agi aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich gegen das Armaturenbrett, was dem Käfer nochmals einen ordentlichen Schub nach vorne bescherte. Derweil stand ich schon auf der anderen Seite des Boliden, und das ganze hatte etwas von der hektischen Betriebsamkeit heutiger Boxenstopps in der Formel 1. Ich schrie:“AGI, raus“.- Leicht gesagt. Ich bemühte mich, Agi`s ganze Fülle, die sich noch dazu in völlig unübersichtlichem Gewurschtle darstellte, aus dem Fond zu zerren .Nach dem dies gegen alle Gesetze der Schwerkraft(aber darüber hatte ich ja schon meine Theorie) gelungen war, riss ich die glosende, rauchende Sitzbank heraus; aber wohin damit, denn ich stand buchstäblich im Wald……! Links Unterholz, rechts Reisig- die Idealbesetzung für meine Premiere zu einer Feuersbrunstinszenierung. Aus purer Verzweiflung wählte ich die nicht minder ungeeignete Mitte dieser Horrorbühne, um die vermaledeite Bank von mich zu schmeißen. Agi hatte sich inzwischen hochgerappelt und warf sich ohne zu zögern, und zu meinem Entsetzen mit ihrer gesamten Masse, aber erstaunlich behände auf das glosende Problem aus brennendem Seegras und glühenden Stahlfedern im Wald. Genauso behände wie vorhin stand sie abermals auf, klatschte sich den Schmutz von den Händen, und siehe da, die Sitzbank rauchte nur mehr leicht vor sich hin.
Was war geschehen: Hier sind wieder die alterfahrenen VW Veteranen gefragt.- richtig. Unter der hinteren Sitzbank saß die Batterie,-meist ohne Deckel und lauerte nur auf jemanden mit geeignet breitem Hinterteil und genügender Fleischmasse, um sie kurzzuschließen und die Seegrasfüllung zu entzünden Verblüffend war, dass wir die Fahrt fortsetzen konnten. Das war eben der VW Käfer. Er läuft und läuft und brennt und läuft……. ,diesmal saß Agi allerdings den Rest der Fahrt am Boden und fand das „LUSTIG“. Ich schlug drei Kreuze, dass es längere Zeit nicht geregnet hatte – die bereits erwähnte Bodenplatte!. Das größte Wunder stellte aber folgende Tatsache dar. Agi´s blauer „Sack“ überstand den Vorfall völlig unbeschadet. Sie trug ihn noch jahrelang mit derselben ihr eigenen Würde.

Hintergrundinformation
Der Text ist ein Teil aus einem mit Meinrad Mayrhofer geplanten Buch über unsere Erfahrungen mit unseren ersten VW Käfern. Arbeitstitel „Das Zwicken in der linken Schulter“. Entstanden ist die Idee natürlich im Wirtshaus, als wir zufällig auf das Thema stießen und draufkamen, dass wir beide in den Siebzigerjahren VW Käfer fuhren und uns die Geschichten nicht auszugehen schienen.

Peter Makowetz